Thesen zur Zukunft des Zirkus mit Wildtieren

Wenn ich in meinem Buch von einem naturhistorischen Manifest für die Tierlehrer-Kunst in Delphinarien, Zoos und Zirkussen spreche, so stellt sich doch die Frage, warum ich ausgerechnet den Zirkus in ein Buch inkludiere, das die Delphinhaltung zum Thema hat. Es ist ja nicht nur so, dass die zirkusartige Haltung von Delphinen quantitativ noch nie eine nennenswerte Größe dargestellt hat, sondern es ist ebenso festzustellen, dass eine tiergerechte Unterbringung dieser anspruchsvollen Zahnwalfamilie in einem Reisebetrieb nur schwer vorstellbar scheint, was die wenig ruhmreichen Unternehmungen in diese Richtung zudem eher unterstreichen als widerlegen (zu den reisenden Delphinschauen vgl. z. B. ROBEYNS 2008).

Worum es mir dabei gegangen ist, sind vielmehr zwei kulturhistorische Aspekte:

1. Der erste Delphintrainer ist ein Tierlehrer aus dem Zirkusmilieu gewesen. Die Rede ist von Adolf Frohn, der, bevor er in den US-amerikanischen Marine Studios mit Delphinen gearbeitet, Seelöwen dressiert hat (vgl. MCGINNIS & MESSINGER 2011). Und wie Heini Hediger feststellt, sind der Zirkus und seine Vorläufer der Ursprung der Wildtierdressur überhaupt (vgl.
HEDIGER 1961), wenngleich die antiken Tiergeschichten von Älian auf noch ältere Wurzeln schließen lassen. Wir können die kulturhistorische Dimension der Wildtierdressur z. B. in einem städtischen Zoo oder privaten Meerestierpark nur verstehen, wenn wir uns vor Augen führen, wo und wie sie ihren Weg auch in andere Institutionen gefunden bzw. wie sie die Gründung der Delphinarien maßgeblich beeinflusst hat.

2. Auch wenn wir immer klar unterscheiden müssen zwischen ästhetischen Gesichtspunkten und der Frage nach dem Wohl der Delphine, so kann doch nur schwer bestritten werden, dass der kulturelle Rahmen auch den zoologischen Spielraum ent-scheidend mitbestimmt. Wer aus naturroman-tischen Beweggründen z. B. in einem Zoo sich nur schwer mit dem Trainieren von Tieren anfreunden kann, der schließt damit auch all die zoologischen Vorteile einer Dressurarbeit aus, wie etwa eine angemessene Beschäftigung oder die Erleichterung tierpflegerisch-tiermedizinischer Maßnahmen. Der Zirkus ist dagegen per se von dem Dogma einer romantisch angehauchten Nützlichkeitsethik, wie sie in bürgerlichen Milieus ja fast durchgängig eingefordert worden ist und wird, weitgehend befreit, wenngleich dies noch nichts über die Professionalität aussagt, mit der letztlich von dem einzelnen Tierlehrer in einem Zirkus Dressurarbeit geleistet wird.

Das Besondere an der Delphinhaltung renommierter Einrichtungen ist für mich, dass hier bis heute vielerorts im Kern zwei Dinge zusammengebracht werden: Unterhaltung auf hohem Niveau sowie eine hochgradig professionelle und zukunftsweisende Pflege der ihnen anvertrauten Schützlinge, einschließlich eines damit im Zusammenhang stehenden Trainings. Dies schließt die klassischeren Zielsetzungen eines Zoos, wie etwa Bildung, Forschung und Artenschutz, keineswegs aus. Aber es wirft ein anderes Licht auf die Definition dieser Aufgabenfelder und ihre Möglichkeiten. Man denke aktuell nur an das Engagement der IMATA bei der Rettung der letzten Vaquitas. Oder aber auch an den antiken Delphinreiter als ein Kulturgut, wie er ja in der Vergangenheit von den Delphinarien in Duisburg und Nürnberg in einen naturkundlichen Kulturauftrag integriert worden ist. Eine ästhetische und zoologisch-fachliche Betrachtungen überwuchernde und durch eine Art Hexenjagd verordnete Öko-Mystik führt dagegen auf direktem Weg in die Illusion und zu fatalen Resultaten, wie u. a. die “Befreiung” des Kino-Orcas “Keiko” gezeigt hat.

Ohne den Zirkus idealisieren zu wollen, so enthält er aber doch Teilantworten auf die Frage, warum wir überhaupt weiterleben wollen, anstatt das Leben nur zu verwalten. Es gibt also gute Gründe  für seinen Fortbestand zu streiten. Eine Zukunft hat er allerdings nur, wenn er von seinem theoretischen Potential auch im großen Stil praktisch Gebrauch macht. Viele Entwicklungen aus der Meeressäugerhaltung könnten ihm als Vorbild dienen: die dort geführten Fachdiskussionen ebenso wie die Arbeit anerkannter Organisationen, allen voran der IMATA.

 

Foto: Tierlehrer Ingo Stiebner mit Mähnenrobbe im Cirque Arlette Gruss