Delphine, Menschen und Delphinhaltung

Zwischen 2011 und 2016 habe ich in enger Kooperation mit dem Zoologen PD Dr. Udo Gansloßer an einer wissenschaftlichen Studie gearbeitet, welche sich mit der kulturhistorischen Beeinflussung des zoologischen Diskurses, am Beispiel der westeuropäischen Delphinhaltung in zoologischen Gärten, beschäftigt.

Mit der Errichtung von Delphinarien in den genannten Zoos ab den 1960er Jahren durchbrechen diese, analog zum Siegeszug der Tiergartenbiologie, sowohl zoologisch als auch kulturell in nie dagewesener Form naturromantische Muster.

Die Studie ist eine Literaturarbeit, welche eine sprachlich-symbolische Differenzierung zum Ziel hat:

  • Entkleidung einer bürgerlichen Naturromantik als Versuch einer Synthese von Tierwohl und christlich geprägter Weltanschauung,
  • Differenzierung zwischen ästhetischen und auf das Tierwohl bezogener Aspekte,
  • Versuch einer Ausformulierung und Analyse der ästhetischen Dimensionen sowie
  • Skizzierung einer zoologischen Sprache im Geist einer naturhistorischen Biologie, welche den Faktor "Kultur" reflektierend einbezieht, um Versuchen einer Gleichsetzung von Kultur und der Perspek-tive des nicht-menschlichen Tieres vorzubeugen.

Worum es uns dabei geht, kann am besten mit einem Zitat von Heini Hediger zum Ausdruck gebracht werden:

"Ein Kubikmeter Wasser mit einem Hecht darin, aus einem See ausgestochen und in ein Aquarium gebracht, ergibt noch keine natürliche Haltung, trotzdem es zunächst scheinen will, daß durch dieses Vorgehen die Natürlichkeit der Raumqualität schlechterdings nicht mehr überboten werden kann. Der Hecht sucht in dem deckungslosen Wasserwürfel vergebens nach einem Heim, oder es fehlt ihm bald an Sauerstoff. Derartige Rechnungsfehler, die zu einer pseudonatürlichen Raumgestaltung führen, kommen durch die Mißachtung des folgenden elementaren Gesetzes zustande: Der Naturausschnitt ist nicht ein gleichwertiger Teil des Ganzen, sondern lediglich ein Stück, das durch seine Isolation auch qualitativ weitgehend verändert worden ist. Der Anschaulichkeit halber kann der Satz auch umgedreht werden: Die freie Natur ist mehr als die Summe unendlich vieler, noch so natürlicher (Käfig-) Rauminhalte.” (Hediger 1942, S. 76).

Das Buch ist im Oktober 2016 im Schüling-Verlag erschienen und gliedert sich in vier Abschnitte:

I. Begründung einer hermeneutischen Vorgehensweise unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses von Bildung und Kultur zwecks Text-Analyse und vor dem Hintergrund der auch für eine naturhistorische Zoologie relevanten Frage nach der Selbstreflexion im Forschungsprozess.

II. CD mit Fotodokumentation zu zoologischen Einrichtungen in Westeuropa: Zoos mit und ohne Delphinarien, Delphinarien und Robbenhaltungen in privaten Meereszoos und Freizeitparks.

III. Vergleich von drei hermeneutischen Analysen zu folgenden Texten: antike Delphinreitergeschichte "Die große Liebe eines Delphins" von Älian, Denkschrift zur ersten bürgerlichen Zoogründung im deutschsprachigen Raum in Frankfurt am Main sowie Fachtext zur ersten erfolgreichen Aufzucht eines Großen Tümmlers im Zoo Barcelona von Costa et al. Hierbei geht es v. a. um die Frage nach den je unterschiedlichen Verhältnissen von Kultur und Natur in natur-historischen, naturromantischen und naturhistorisch-zoologischen Texten. Wie werden in den verschiedenen Genres Mensch-Tier-Beziehungen artikuliert und warum? Und wie wirken sich die dort zugrunde gelegten Bilder von Mensch und nicht-menschlichem Tier auf zoologische Betrachtungen aus, sofern sie denn in solche einfließen? Wo werden also bewusste wie unbewusste ästhetische Vorstellungen mit der Frage nach dem Wohl des nicht-menschlichen Tieres einfach miteinander amalgamiert und welche Konsequenzen hat dies für die tiergartenbiologische Qualiät einer Tierhaltung wie auch für bestimmte ästhetische Ansprüche? Wo gibt es aber auch begründbare Schnittstellen zwischen der menschlichen Wahrnehmung und dem Ziel, die Lebensqualität von Delphinen zu steigern, wie dies z. B. beim Spiel und einer daran anschließenden Trainingsarbeit der Fall ist?

IV. Kulturtheoretische und zoologische Diskussion der Analyseergebnisse.