Gedanken zur Tierrechtsproblematik

Auf dieser Seite meiner Homepage möchte ich einige Gedanken zur kulturhistorischen Dimension der Tier-rechtsproblematik und vergleichbarer Phänomene formulieren. Insbesondere während der Zeit meines Engagements beim Aktionsbündnis "Tiere gehören zum Circus" bin ich immer wieder mit Menschen über die vermeintlichen Motivationen dieser Personenkreise ins Gespräch gekommen. Wie komplex deren Realität auch immer sein mag, eines scheint mir sicher: Der alleinige Verweis auf finanzielle Interessen und Ahnungslosigkeit greift deutlich zu kurz. In unserer wissenschaftlichen Studie "Delphine, Menschen und Delphinhaltung" geht es zwar nicht primär z. B. um die Tierrechtsbewegung. Zweifelsfrei herausgearbeitet werden können, hat jedoch die Bedeutung des christlichen Paradiesgedankens für eine Ideologie, welche den Menschen als solchen und insbesondere bestimmte Personengruppen entwertet und gleichzeitig das Tier zur Projektionsfläche für ein Heilsversprechen macht, ohne am Wohl des Tieres real interessiert zu sein. Die Tierrechtsbewegung stellt hier gewissermaßen einen Extremfall dar. Denn dasselbe Grundmuster ist ebenso für einen moralistisch angeleiteten Tierschutzgedanken zutreffend wie für den Versuch, einzelne Tierarten in den Stand eines Beinahe- oder gar Über-Menschen zu heben. Die Nicht-Beachtung dieser kulturhistorischen Dimension, sei es aus Unwissenheit, sei es aus gezielter Ignoranz, führt meines Erachtens zu keinem wirklichen Verstehen dieser Erscheinungen bzw. zu ihrer Verharmlosung.

 

"Das Gegenteil von gut - ..."

Anlass zur Gestaltung dieser Seite ist ein Youtube-Beitrag der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main gewesen, in welchem sich die Publizistin, Sozialwissenschaftlerin, Politikerin und Aktivistin Jutta Ditfurth u. a. zum Verhältnis von Tierrechtsbewegung und Antisemitismus in der politischen Linken äußert. Dieser Beitrag ist im Zuge des Modellprojektes "Das Gegenteil von gut - Antisemitismus in der deutschen Linken seit 1968" entstanden. Eine Wanderausstellung zum Thema ist vom 27. März bis 27. September 2019 in besagter Bildungsstätte zu sehen gewesen. Ohne an dieser Stelle für eine bestimmte politische Strömung Partei ergreifen zu wollen, so kann doch nicht ignoriert werden, dass der Grundgedanke einer anhaltenden Tierrechtsproblematik und vergleichbarer Phänomene in weiten Teilen der heutigen politischen Linken, allen voran den Grünen, massenwirksam aufgegriffen wird. Jutta Ditfurth weist zurecht auf die tiefbraunen Wurzeln dieser Ideologie hin. Für eine tiefergehende Analyse eines Linksfaschismus sei an dieser Stelle auf ihr Buch "Entspannt in die Barbarei: Esoterik, (Öko-)Faschismus und Biozentrismus" verwiesen. 

Eine gängige schulische Allgemeinbildung genügt, um zu wissen, dass es eine einheitliche linke Philosophie nie gegeben hat. Das Spektrum reichte schon immer von demokratisch bis diktatorisch und von prüde bis lebensfroh. Und dennoch hat sich etwas verändert. Ich würde diese Veränderung als einen enormen Trend hin zu einer Verspießbürgerlichung bezeichnen. Doch was heißt das konkret bzgl. der Wertvorstellungen, um die es dabei geht? Und worin liegen die gesellschaftlichen Ursachen für diesen Trend? Die Beantwortung beider Fragen kann hier selbstverständlich nur zusammenfassend angerissen werden.

 

Der Begriff der Freiheit ist niemals neutral!

Was die gesellschaftlichen Ursachen anbelangt, so sind hier sicherlich auch Protestformen der Post-68er-Periode in Augenschein zu nehmen. Aufschlussreich ist z. B. die Sequenz 23:20 bis 28:20 einer Dokumentation über Pierre Bourdieus "Die feinen Unterschiede":

Der französische Soziologe Bourdieu spricht darin von einer sogenannten geprellten Generation und nennt in diesem Zusammenhang als Beispiel auch eine ökologische Bewegung. Enttäuscht über die Diskrepanz zwischen der gesellschaftlichen Öffnung von Bildungsinstitutionen und der Erwartung, dass diese Öffnung auch mit einer Steigerung der gesellschaftliche Privilegien einhergehe, komme es zu zwei Phänomenen:

1. einem starken Anti-Institutionalismus. Das heißt, nicht falsche Aufstiegsversprechen, sondern die Bildungs-institutionen als solche, welche diese Öffnung in Gang gesetzt hätten, haben mit ihren Wertvorstellungen plötzlich zur Disposition gestanden.

2. Ein anfänglich unbestimmter und allgemeiner Protest habe sich als Kampf gegen eine kleinbürgerliche Ordnung verstanden. Diese Deutung ignoriere jedoch die konkreten Wertvorstellungen der ProtestierendenReale Freiheit bedeute Bewusstheit über die eigene soziale Stellung. Andernfalls verfalle man dem Glauben nirgendwo zu stehen. Oder anders formuliert: Die Protestierenden in der Videosequenz verkörpern eben jenes Kleinbürgertum, das sie kritisieren, weil die eigenen Wertvorstellungen nicht mehr als solche wahr-genommen werden, sich aber dennoch im eigenen Handeln ausdrücken. Es gibt demnach keine reine und ideale Freiheit, sondern immer nur ein durch bestimmte Werte bedingtes Freiheitsverständnis. Die von den Protestierenden postulierten politischen Freiheitsvorstellungen ersetzen also nicht die milieubedingten Wertvor-stellungen jener, sondern sie entspringen eben diesen und werden absolut gesetzt. 

 

Ein Anti-Institutionalismus und seine Spätfolgen

Die Folgen des erwähnten Anti-Institutionalismus sind bis heute deutlich zu spüren. Eine de facto Sabotage der Freiheit von Forschung und Lehre, durch die Teilnahme der Bundesrepublik am Bologna-Prozess, politisch durch die damalige rot-grüne Bundesregierung in die Wege geleitet, bezeugt dies auf eindringliche Art und Weise. In dem Buch "Globale Immunität: Oder Eine Kleine Kartographie des europäischen Bildungsraums" schildern die Autoren Jan Masschelein und Maarten Simons mit analytischer Präzision, wie der Begriff der Bildung in die Fänge ökonomischer Verwertbarkeit gerät. Die Universität als Institution mit eine relativen Autonomie ist damit Geschichte. Die falsche Menschenfreundlichkeit eines alternativen Anti-Institutionalismus ist folglich in einer ökonomischen Totalität gemündet. Was zunächst paradox wirkt, ist letztlich kein Widerspruch, fordern beide Ideologien doch im Kern eine Nützlichkeitsethik, die Freiheit nur als Unterwerfung unter die vermeintlich gute Sache kennt.

So ist auch der zu einer öffentlichen Anhörung geladene Sachverständige im deutschen Bundestag doch für nicht wenige Politiker nur noch das Instrument eines politischen Kalküls. Die Rolle des Sachverständigen setzt weder per se Sachverständnis voraus noch sind die befragenden Politiker selbstverständlich an einer sachlichen Aufklärung interessiert. Es spielen sich zuweilen groteske Szenen ab. Ein Beispiel hierfür ist die öffentliche Anhörung des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz am 15. Mai 2013 über die Zukunft der Delphinhaltung in Deutschland. Ausgangspunkt ist ein Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen mit dem Titel "Haltung von Delfinen beenden" gewesen. Das folgende Video gewährt einen Einblick und ist auf der Homepage des deutschen Bundestages zu finden:

(https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2013/44669679_kw20_pa_landwirtschaft-212286)

Ein solches Vorgehen schadet der Demokratie und auch dem liberalen Rechtsstaat, weil das Vertrauen in Rechtssicherheit und Freiheit im Kern erschüttert wird. Wem es aus der politischen Klasse in den letzten Monaten in Sachen Menschenrechte immer wieder wie Schuppen von den Augen gefallen ist, der sei an dieser Stelle an sein Mitwirken in aller Deutlichkeit erinnert. 

Für eine Auseinandersetzung mit tierhalterisch und wissenschaftlich belegbaren Argumenten, im Zuge der Anhörung zur Delphinhaltung, sei auf die einschlägigen Stellungnahmen unter dem folgenden Link verwiesen: 

https://tiergarten.nuernberg.de/zoowissen-co/arten-und-naturschutz/delphine/oeffentliche-anhoerung/oeffentliche-anhoerung-15052013.html

Doch mit welchen konkreten Wertvorstellungen haben wir es hier eigentlich zu tun? Gesellschaftliche Wandlungs-prozesse haben - zumindest aus einer kulturtheoretischen Perspektive - immer auch eine kulturhistorische Dimension. Drei Artikel aus dem Online-Angebot der Wochenzeitung "Die Zeit" umreißen diese Dimension auf sehr anschauliche und prägnante Art und Weise. Sie sollen aufgrund ihrer Bedeutung im folgenden Abschnitt auch ausführlicher paraphrasiert bzw. zitiert werden.

 

Spurensuche: Tier und Natur im Nationalsozialismus sowie Martin Luthers Bezug zum Garten Eden

Beginnen wir mit einem Exkurs in die Geschichte des deutschen Tierschutzgesetzes. Der Text "Wer mit Tieren experimentierte, sollte ins KZ" von Marc von Lüpke (erschienen in "Zeit Online" am 24. November 2013: https://www.zeit.de/wissen/geschichte/2013-11/nationalsozialismus-tierschutz-gesetz/komplettansicht) zeigt u. a. auf, wie Tierschutz in de NS-Zeit und Antisemitismus miteinander verflochten gewesen sind. Der Autor erörtert die historischen Hintergründe des ersten deutschen Tierschutzgesetzes, welches am 24. November 1933 verabschiedet wurde. Zu den darin verfolgten Zielsetzungen schreibt er:

"Nur auf den ersten Blick erscheint das Gesetz dem reinen Ziel des Tierschutzes verbunden. Es hat allerdings seine Ursprünge in der völkischen Ideologie. Nach der amtlichen Begründung sei das Tierschutzgesetz 'seit Jahrzehnten Wunsch des deutschen Volkes, das besonders tierliebend ist und sich den hohen ethischen Verpflichtungen dem Tiere gegenüber bewußt ist.' Tierliebe als nationales Merkmal der Deutschen – ideologisch schöpft das Tierschutzgesetz tief aus dem nordisch-germanischen Herrenmenschentum. Der Umwelthistoriker Frank Uekötter ist sogar überzeugt: 'Die Entwicklung, die zum Tierschutzgesetz vom November 1933 führte, entstammt tatsächlich dem antisemitischen Geist.'"

Explizit zum Verhältnis des besagten Tierschutzgedanken und Antisemitismus heißt es weiter:

"Es war vor allem die religiöse Praxis des Schächtens, die Tierschützer bereits im Kaiserreich gegen die jüdische Minderheit aufbrachte. Ebenso wie die als 'jüdisch' und 'undeutsch' betrachteten Tierversuche sei auch das Schächten dem angeblichen 'jüdischen Blutkult' entsprungen. Die Nationalsozialisten griffen zu radikalen Maßnahmen: Das 'Gesetz über das Schlachten von Tieren' vom April 1933 schrieb eine Betäubung des Tieres vor. Damit war das Schächten nach Ansicht vieler Rabbiner nicht koscher."

Am Ende verweist von Lüpke darauf, dass das nationalsozialistische Reichstierschutzgesetz das Dritte Reich überlebt, da es als nicht diskriminierendes "Nazi-Gesetz" gegolten habe, bis dieses 1972 durch ein aktualisiertes Gesetz abgelöst worden sei. Jenes habe allerdings viele Bestimmungen der Fassung von 1933 übernommen. Der Autor resümiert: "Bis heute versucht die rechte Szene, mit Tierliebe in der Öffentlichkeit zu punkten – Tierfreunde können doch keine schlechten Menschen sein. Manchmal sind sie es leider doch."

In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf den ebenfalls sehr lesenswerten Text "Bäume für Auschwitz" von Nils Franke (: https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2016/01/nationalsozialismus-oekologie-drittes-reich-naturschutz/komplettansichtzu sprechen kom-men, kontextualisiert der nationalsozialistische Naturschutzgedanke das damalige Mensch-Tier-Verhältnis doch gewissermaßen:

"Ökologische Anliegen ließen sich mit der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie gut in Einklang bringen. Nicht zuletzt die Vorstellung, dass die 'deutsche Heimaterde' die Grundlage für die angeblich überlegenen Eigenschaften der über Jahrhunderte veredelten 'germanischen Rasse' sei, machte die Naturschutzbewegung für die Nationalsozialisten zu einem attraktiven Bündnispartner."

Viele Naturschütze seien damals ins braune Lager gewechselt. Die meisten der großen Verbände haben sich problemlos in das neue System eingefügt. Und jüdische oder als jüdisch geltende Mitglieder habe man bereitwillig ausgeschlossen. Einzig der den Sozialdemokraten und Kommunisten nahestehende Verband Die Naturfreunde sei verboten worden, wobei einige seiner Mitglieder in den Widerstand gegangen seien. An anderer Stelle schreibt Franke: "Widerstand oder auch nur leiser Protest gegen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik ist aus den Reihen der Naturschützer nicht überliefert." Naturschutz sei fortan Staatsangelegenheit gewesen, abgesichert durch die neue "Reichsstelle für Naturschutz", welcher der Direktor des Berliner Zoos, Lutz Heck, im Reichsforst-ministerium vorgesetzt gewesen sei.

"Nirgends aber war das Nebeneinander von Naturschutz und der systematischen Auslöschung von Menschenleben so unmittelbar und ungeheuerlich wie in Auschwitz. Den Großteil der Deportierten, die dort in Viehwaggons ankamen, schickte die Lager-SS direkt in die Gaskammern. Die noch Arbeitsfähigen wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt – unter anderem für die Neugestaltung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau und seiner Umgebung.

Auschwitz war ein Pilotprojekt für die 'Eindeutschung' einer Stadt und ihres Umlandes im Sinne der Blut-und-Boden-Ideologie. Siedlungen sollten 'durchgrünt' werden, Einfamilienhäuser Gärten zur Selbst-versorgung erhalten, Landwirtschaftsgebäude möglichst inmitten von 'heckendurchzogenen' Feldern stehen. Das alles sollte der 'Umgestaltung des deutschen Menschen' dienen, wie es in der Präambel des Reichsnaturschutzgesetzes hieß."

Analog zum Reichstierschutzgesetz reicht die enge Liaison auch von Nationalsozialismus und Naturschutz weit über das Jahr 1945 hinaus. Enge persönliche Netzwerke haben sich als erstaunlich stabil erwiesen: "Für die wenigsten NS-Naturschützer bedeutete das Kriegsende daher das Ende ihrer Laufbahn." So sei es dem Leiter der Reichsstelle für Naturschutz, Hans Klose, gelungen, dank seiner Verbindungen, diese im Jahr 1952 gewissermaßen in die Bundesanstalt für Naturschutz und Landschaftspflege in Bonn zu überführen:

"Bis 1954 blieb Klose ihr Leiter, dann folgte ihm Gert Kragh nach, der im Zweiten Weltkrieg engen Kontakt zu den Landschaftsanwälten von Alwin Seifert gehalten hatte. Auch Kraghs Nachfolger war ein ehemaliger SS-Mann: Gerhard Olschowy, der das Bundesamt bis 1978 leitete. In seiner Amtszeit wurde der 'Vegetationskartierer' von Auschwitz, Reinhold Tüxen, mit seinen Mitarbeitern in die Bonner Einrichtung integriert. Auch Teile von Görings Reichsnaturschutzgesetz lebten bis 1976 in leicht veränderter Form in den meisten Bundesländern fort; in der DDR wurde es 1954 abgeschafft.

Der ehemalige Stab von Heinrich Himmler schließlich setzte sich vor allem in Hannover fest. Konrad Meyer und der Landschaftsgärtner Heinrich Wiepking-Jürgensmann erhielten an der dortigen Universität Professuren und bildeten Generationen von Naturschützern und Raumplanern aus."

Wer das Verhältnis von Tier- und Naturschutz sowie faschistischem Gedankengut historisch verstehen will, kommt meines Erachtens nicht um Martin Luther herum. Damit komme ich zugleich auf den dritten der zuvor angekündigten Zeit-Artikel. Es geht um den Text "Martin Luther, der Vater des Arbeitsfetischs" von Patrick Spät (erschienen in "Zeit Online" am 25. November 2016: https://www.zeit.de/karriere/2016-11/martin-luther-reformation-arbeit-kapitalismus/komplettansicht). In Späts Artikel sind hinsichtlich des hier erörterten Problems die folgenden Aspekte bedeutsam:

  • Martin Luther war glühender Antisemit;
  • das Verschwinden der Allmende im Zuge der Reformation: "Wem gehören eigentlich die Wälder, Weideflächen und Wasserquellen? Eigentlich niemandem. Bis zur Reformation jedenfalls versorgten sich die Menschen auf der Allmende. So garantierte beispielsweise die längst in Vergessenheit geratene Charter of the Forest (1217) der Bevölkerung die Nutzung des gemeinschaftlichen Eigentums: 'Jeder freie Mensch darf deshalb, ohne verfolgt zu werden, im Wald oder auf dem Land eine Mühle, eine Domäne, einen Teich, eine Mergelgrube, einen Wassergraben oder kultivierbares Land im Dickicht errichten, unter der Bedingung, dass dies nicht irgendeinen Nachbarn schädigt.'

    Doch spätestens im 16. Jahrhundert entrissen die weltlichen Landherren den Menschen die Allmende. Das Allgemeingut wurde zum Privateigentum und die enteignete Bevölkerung entfachte den Bauernkrieg (1524–1526)." 
  • der Zusammenhang von Luthers Arbeitsfetisch, moderner Lohnarbeit und dem Verschwinden der Allmende. Mit Blick auf den zitierten Bauernkrieg und das biblische Verbot, Ländereien in Privatbesitz zu nehmen, heißt es im weiteren Verlauf des Textes: "Luther war das gleichgültig. Er empfahl den Fürsten in seinem Pamphlet Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern ganz nonchalant, man solle die Bauern 'zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wie man einen tollen Hund totschlagen muss.'";
  • das Verhältnis von Arbeitsfetisch und christlichem Paradiesgedanken: "Die Protestanten waren überzeugt, dass schon vor der Geburt jedes Menschen feststeht, ob man zu den Auserwählten oder Verdammten gehöre. Aufgrund dieser Prädestination wisse niemand, zu welcher Gruppe er oder sie gehöre, allein der irdische Erfolg könne einen Hinweis geben. Disziplinierter Fleiß und rastlose Arbeit im Diesseits waren von nun an die einzigen Indikatoren für eine Erlösung im Jenseits; wer weltlichen Erfolg hat, dem ist die himmlische Gnade Gottes sicher. Damit waren Luther und Calvin die Ersten, die den Begriff der Arbeit durchweg positiv besetzten – der Beruf wurde zur Berufung.";
  • das Verhältnis von Arbeitsfetisch und den Freuden des Lebens. Johannes Calvin zitierend, schreibt Spät: "'Unsere Arbeit, unser Broterwerb ist Gottesdienst und heilig. Müßiggang und Prasserei sind es, die die Menschen verderben. Darum arbeitet fleißig und lebt bescheiden, meidet Rausch, Tanz und Spiel. Das sind die Versuchungen des Teufels.'";
  • das Verhältnis von moderner Lohnarbeit und Sklaverei. Über König Edward VI. ist bei dem Autor zu lesen: "Edward VI., der erste protestantische König Englands, erließ 1547 folgendes Gesetz: 'Wenn jemand zu arbeiten weigert, soll er als Sklave der Person zugeurteilt werden, die ihn als Müßiggänger denunziert hat. Er hat das Recht, ihn zu jeder auch noch so eklen Arbeit durch Auspeitschung und Ankettung zu treiben. Wenn sich der Sklave für 14 Tage entfernt, ist er zur Sklaverei auf Lebenszeit verurteilt und soll auf Stirn oder Backen mit dem Buchstaben S gebrandmarkt, wenn er zum drittenmal fortläuft, als Staatsverräter hingerichtet werden. Der Meister kann ihn verkaufen, vermachen, als Sklaven ausdingen, ganz wie andres bewegliches Gut und Vieh.'"

Setze ich die aus dem Text von Patrick Spät entnommenen bzw. zitierten Thesen zu dem bisher Geschriebenen in Beziehung, kann Folgendes resümiert werden:

  • Martin Luther und die Reformatoren unterwerfen den Menschen, ausgehend vom christlichen Paradies-gedanken, einem bis zur Sklaverei reichenden Verständnis von Arbeit. Die sogenannten Arbeitsunwilligen werden als Untermenschen klassifiziert bzw. ihnen im Extremfall das Menschsein gänzlich oder das Recht auf Leben an sich abgesprochen. Im Zuge dessen erfährt auch das Verhältnis von Kultur und Natur bzw. von Mensch und Tier eine Neuordnung, das v. a. von Separierung und Reglementierung geprägt ist. Damit einher geht ein ausgeprägter Antisemitismus. Für die hiesigen Gedanken entscheidend ist die Verbindung von christlichem Paradiesgedanken und Erbsünde. Denn das Judentum kennt keine solche (vgl. hierzu z. B. Josef Joffe in"Zeit Online", Nr. 08/2007). Insofern sind Arbeitsfetisch und ein Antisemitismus Lutherscher Prägung nicht einfach zwei verschiedene Themen, sondern Ausdruck eines protestantischen Bezugs zur Idee von einem Garten Eden.
  • Der Nationalsozialismus hat einen Tier- und Naturschutz besonderer ideologischer Prägung hervor-gebracht, der auch über das Ende der Nazi-Diktatur hinaus seine Spuren hinterlassen hat. Das enge Zusammenspiel von Massenmord, Sklaverei, Arbeitsfetisch, Antisemitismus sowie eines dazu in Bezug stehenden Naturverständnisses hat sich nirgends deutlicher gezeigt als in Auschwitz. Natur-verbundenheit im nationalsozialistischen Sinne meint keine Nähe zu einer realen nicht-kulturellen Natur in ihrer ganzen Komplexität, sondern drückt eine Ideologie aus, die von der Existenz einer deutschen Herrenrasse ausgeht. Ohne Bezugnahme auf die Geschichte des Protestantismus kann dieses Kapitel deutscher Geschichte nicht sinnvoll erklärt werden.
  • Dass sich weite Teile der heutigen politischen Linken zu dem Gedankengut der Tierrechtsideologie und/oder vergleichbarer Phänomene hingezogen fühlen, fügt sich ebenfalls in gesamtgesellschaftliche Veränderungen ein. Eine Ökonomisierung ganzer Gesellschaftsbereiche ist nichts anderes als ein Anknüpfen an Luthers Erbe. Damit korrespondiert auch ein weitgehend fragwürdiges Verständnis von Toleranz, das nur als oberflächlich, hochgradig selektiv und diskreditierend betrachtet werden kann. Dramatisch, aber nicht überraschend, ist, dass eine intellektuelle Gesellschaftskritik, sofern überhaupt noch existent, weitgehend zu einem Glaubensbekenntnis verkommen ist oder passgenau zusammen-geritten wurde. Von dem Slogan "Nie wieder 33" war sodann im Zusammenhang mit der Umsetzung des Bologna-Prozesses auch oder vielmehr gerade auf dem roten Balkon unserer vermeintlichen Leucht-türme nicht viel zu sehen.

Zum Reformationsjubiläum hat die Firma Playmobil eine Luther-Figur herausgebracht. Diese hält ein Buch in der Hand. Auf der linken Seite steht geschrieben: "Bücher des Alten Testaments ENDE"Was soll Mann dazu sagen? Er ist wieder da! Die einst umfangreiche Zirkus-Kollektion der Firma Playmobil sucht man übrigens schon länger ebenso vergebens wie das Delphinarium.

Das letzte Wort meines Aufsatzes gebührt der Grünen-Politikerin Undine Kurth, welche in der oben erwähnten Ausschuss-Sitzung etwas geäußert hat, das zum Nachdenken einlädt (siehe Sequenz 01:28:12 bis 01:28:22):

"Und vorweg möchte ich auch noch sagen: Meine Weltanschauung ist evangelisch-lutherisch. Das, finde ich, ist, muss vielleicht auch nochmal gesagt werden, weil es geht hier nicht um Weltanschauung."